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Sammlungsforschung

Jungfrau Maria mit Kind in Interieur, Nachfolger Jan van Eyck

Musea Brugge konnte Ende April 2019 der Kernsammlung Flämischer Primitiver einen schönen Neuzugang hinzufügen. Das Gemälde wird jetzt für die Schwerpunktausstellung ‘Jan van Eyck in Brügge’, die im Frühling 2020 im Groeningemuseum zu sehen sein wird, weiter untersucht.

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Das Gemälde

Das auf Tafel gemalte Werk stellt die thronende Maria mit Kind in einem Raum dar. Der anonyme Maler stützte seine Komposition auf Elemente von jeweils verschiedenen Werken von Van Eyck. Das bestätigt die Schlussfolgerung, dass er zumindest Zugang zu den Atelierzeichnungen des Brügger Meisters hatte und dass er sich vermutlich selbst einige Zeit lang in seinem Atelier in Brügge aufhielt.

Untersuchung der Tafel

Die dendrochronologische Untersuchung des Holzträgers weist nach, dass der älteste Jahresring der Eichentafel aus dem Jahr 1387 stammt und dass das Gemälde ab dem zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts bemalt werden konnte – zu Lebzeiten von Van Eyck oder kurz nach dessen Tod im Jahr 1441.

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Jan van Eyck, Mittlere Tafel des Dresden-Triptychon, 1437, Dresden, Gemäldegalerie

Deutliche Verbindung mit Van Eyck

Die Untersuchung bestätigt, wie eng die Verbindung zwischen dem Neuzugang und dem Oeuvre von Jan van Eyck schlussendlich sind. So gehen die Position des Jesuskindes und der Faltenfall des Mantels der Jungfrau auf den Originalzustand des Mittelpaneels von Jan van Eycks Triptychon aus dem Jahr 1437 in Dresden zurück. Der jetzige Zustand wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts vom romantischen Maler Eduard Bendemann über eine Stelle gemalt, an der die originale Farbe verlorengegangen war. Die ursprüngliche Haltung der zwei Figuren – die folglich mit dem Neuzugang übereinstimmt – ist durch eine Silberstiftzeichnung aus dem 15. Jahrhundert aus Leipzig bekannt.

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Jan van Eyck, Madonna mit Kanonikus Georg van der Paele, ca. 1434/1436, Brügge, Groeningemuseum

Der Thron der Jungfrau, der mit den zwei Löwen auf den Wänden auf den Thron von König Salomon verweist, reicht dahingegen auf die Lucca-Madonna zurück, die Jan van Eyck rund 1435 malte. Die Position des Kopfes von Maria, ihre goldenen Locken und das blaue Kleid unter dem roten Mantel basieren genauso wie das Muster auf dem Brokattuch auf die Madonna mit Kanonikus Georg van der Paele‘ aus dem Groeningemuseum, das Jan van Eyck zwischen 1434 und 1436 malte.

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Anonym, Atelier Jan van Eyck, Maria mit Kind (Ince Hall Madonna), ca. 1435/1440, Melbourne, National Gallery of Victoria

Auch andere Elemente sind auf den Werken zu finden, die dem Atelier oder Mitarbeitern von Jan van Eyck zugeschrieben werden. Der Stuhl mit darauf einer Metallplatte und einer Kupferschale, die Bücher und Töpfe in der Nische rechts von der Jungfrau oder der Ausblick auf eine Landschaft. Es geht hier um die sogenannte ‚Ince Hall Madonna‘ (Melbourne, National Gallery of Victoria) oder die ‚Madonna mit dem Buch‘ (Covarrubias (Burgos), Museo de la ex colegiata San Cosme y Damián).

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Anonym, Nachfolger/Mitarbeiter Jan van Eyck, Unterzeichnung Maria mit Kind, Infrarot-Reflektogramm

Materialtechnische Untersuchung

Eine materialtechnische Untersuchung, die Beginn dieses Jahres von Musea Brugge ausgeführt wurde, zeigte überdies, dass die zugrunde liegende Zeichnung der Jungfrau und des Kindes stilistisch besonders dicht an die typische Manier anschließt, in der Jan van Eyck mittels dünnen Schraffierungen die Figuren auf der Van der Paele-Madonna unterzeichnete, um auf diese Weise ihr Volumen anzudeuten.

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Anonym, Nachfolger/Mitarbeiter Jan van Eyck, Unterzeichnung Maria mit Kind, Infrarot-Reflektogramm

Neben der feinen “Eyckianischen” Pinselunterzeichnung ist die Zeichnung nicht nur unter der Landschaft links, sondern auch unter den Büchern auf der rechten Seite der Tafel besonders routiniert untergezeichnet.

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Anonym, Nachfolger/Mitarbeiter Jan van Eyck, Unterzeichnung Maria mit Kind, Infrarot-Reflektogramm

Mehrere Änderungen (sognannte Pentimenti) in der Unterzeichnung weisen nach, dass der anonyme Künstler während des Malens seine Komposition veränderte. So wurde unter anderem die Kopfhaltung des Jesuskindes verändert und waren die Augen, die Nase und der Mund von Maria ursprünglich mehr links positioniert.

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Meister des Grabmals von Wolfhard Strauss, Grabmal von Wolfhard Strauss, ca. 1445, Regensburg, St. Emmeram

Die Typologie des Gesichtes der Jungfrau und auch Details des Landschaftshintergrundes erinnern an Maler aus dem Süden Deutschlands. Es hat den Anschein, dass dieser anonyme Maler ursprünglich aus Deutschland stammte, nach Brügge ging und in den späten 40er-Jahre des 15. Jahrhunderts in Brügge im Atelier von Jan van Eyck landete, vielleicht sogar erst nach dem Tod des Meisters.

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Anonym, Gemäldegalerie von Prinz Lucien Bonaparte, Stich

Funktion und Eigentümer des Gemäldes

Der ursprüngliche Eigentümer der Tafel ist unbekannt, und auch über die originale Funktion ist nichts bekannt. Wahrscheinlich zierte das Gemälde einen kleinen Altar und diente zur privaten Andacht. Der früheste bekannte Eigentümer war Lucien Bonaparte, der Bruder von Napoleon, der es im Jahr 186 unter dem Namen Lucas van Leyden verkaufte. Ein historischer Stich im Auktionskatalog zeigt den damaligen Zustand der Tafel, die teilweise von einer späteren Hand übermalt war.

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Zustand vor 1909, Archiv KIK-IRPA Brüssel

Dieser Zustand ist auch noch von einem Foto aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt, das im Königlichen Institut für das Kunstpatrimonium (KIK-IRPA) aufbewahrt wird. 1909 veröffentlichte der englische Einwohner von Brügge und Spezialist für Flämische Primitive - W.H. James Weale - die Tafel zum ersten Mal im Burlington Magazin als Werk eines Mitarbeiters oder Nachfolgers von Jan van Eyck.

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Zustand in 1909, Archiv KIK-IRPA Brüssel

Die Reproduktion des Gemäldes durch Weales Artikel zeigt, dass die Übermalungen aus dem 16. Jahrhundert bereits entfernt waren und dass vermutlich während der Behandlung die obersten Schichten des originalen Kopfes der Jungfrau beschädigt wurden. Das Gemälde war damals bereits in Händen der Londoner Familie, die das Gemälde vor kurzem an Musea Brugge verkauft hat.